Anni Albert

Anna Albert, geborene Aurednickova, wurde am 10.Juni 1897 im böhmischen Kuttenberg/Kutná Hora geboren. Die Stadt, 70
Kilometer östlich von Prag, war durch den Bergbau reich geworden und galt als Schatztruhe des Landes. Gleichzeitig tobten
hier im 15. Jahrhundert die Hussitenkriege. Die Kämpfe zwischen katholischen und protestantischen Glaubensbekenntnissen
führten zur Ermordung eines großen Teils der Bevölkerung. Politische Konflikte, nun jene des 20. Jahrhunderts, sollten
auch Anna Albert und ihre Familie zeitlebens begleiten. Sie war die Tochter von Anna Auředníčková (1873-1957) und Zdenko
Auředníček (1864-1932). Während die Mutter 1885 zum Judentum konvertiert war wurde Anna Albert katholisch getauft. Nach
der gebildeten Mutter benannt kam sie als zweites Kind zur Welt, ihr Bruder war bereits 1892 geboren worden. Ganz der
Tradition entsprechend erhielt er den Namen seines Vaters, der als erfolgreicher Anwalt tätig war. Als solcher verteidigte
Zdenko Aurednicek 1899 den eines Ritualmordes beschuldigten jüdischen Leopold Hilsner. Im Verlauf des Prozesses kam es zu
antisemitischen Ausfällen, die mit heftigen Kritiken am Rechtsbeistand einher gingen. Unterstützung erhielt dieser während
der Turbulenzen unter anderem von dem Universitätsprofessor und Philosophen Tomáš Masaryk, wodurch eine enge Freundschaft
mit dem späteren Präsidenten der Tschechoslowakei entstand. Da die Geschehnisse eskalierten und Zdenko Auředníček schnell
an Leib und Leben bedroht wurde, sah sich die Familie auch auf Anraten des Freundes Masaryk genötigt, 1901 aus
Sicherheitsgründen nach Wien zu übersiedeln. Der erzwungene Ortswechsel bedeutete für Eltern und Kinder eine vollkommene
Umstellung und einen schwierigen Neuanfang. Ab nun lebten und agierten sie in zwei Kulturen.
Doch die pulsierende Metropole der Habsburgermonarchie bot auch mannigfaltige Chancen. Anna Alberts Mutter positionierte
sich durch ihre Übersetzungen tschechischer Literatur ins Deutsche und durch ihre zahlreichen Zeitungsartikel als
Kulturvermittlerin zwischen beiden Ländern, ihr Vater konnte als Anwalt in der fremden Stadt erneut Fuß fassen.
Bereits im Februar des Jahres 1902 wurde er als Freimaurer in die Grenzloge Humanitas aufgenommen in der er bis 1909
verblieb. Spätestens ab 1930 findet man ihre Mutter ebenfalls als Mitglied in der 1922 gegründeten gemischten
Freimaurerloge Vertrauen des Österreichischen Le Droit Humain. Die Freimaurerei bot ihr offensichtlich ein zusätzliches
Forum der internationalen Vernetzung, denn sie besuchte auch immer wieder Prager Logen. 1936 bestellte sie in Wien Grüße
der Prager Logenmitglieder und berichtete, dass dem Logenmitglied Zdenko Auředníček endlich wieder eine gemeinsame Arbeit
einer deutschen und einer tschechischen Loge mit dem Thema Völkerversöhnung gelungen sei . Dies zeigt, dass ihr Sohn in
Prag ebenfalls Freimaurer war und dass das Logenleben in den politisch überhitzten Zeiten durchaus überregional zur
Völkerverbindung genutzt wurde. Dies betraf auch die enge Freundschaft mit dem tschechoslowakischen Präsidenten, Edvard
Beneš, der wie sie Freimaurer war und von dem sie nach einem gemeinsamen Prager Logenbesuch 1936 Grüße nach Wien
übermittelte. Tochter Anna Albert erhielt 1933 ihren Zutritt in die gemischte Freimaurerei des Le Droit Humain. Sie wurde
Mitglied in der Loge ihrer Mutter, der Loge Vertrauen. Auch ihr Bruder war in Prag in einer Freimaurerloge aktiv. Somit
engagierten sich Mutter, Sohn und Tochter sowie ehemals der Vater, in der geschwisterlichen Menschenkette wo sie bis 1938,
also bis zum Verbot des Bundes blieben.
Während ihr Bruder als Ingenieur in sein Herkunftsland zurückkehrte und dort einem großen Prager Industrieunternehmen
vorstand, zog es Anna Albert zur Kunst. Mitten im Ersten Weltkrieg absolvierte sie die Wiener Schauspielakademie. Sie
trat in der Folge unter ihrem Künstlerinnennamen Albert nicht nur in Österreich, sondern auch in Deutschland und der
Tschechoslowakei auf. Bereits 1919 findet man die junge Mimin als Mitglied im Wiener Komödienhaus . Doch der Betrieb
wurde 1924 eingestellt und als Colosseum-Kino neu eröffnet. Das Leben als Schauspielerin war ebenso prekär wie das
ökonomische Überleben der Theaterszene. Die Inflation zerstörte geradezu im Stundentakt den Wert der Krone, die
schließlich 1925 durch den Schilling abgelöst wurde. Nicht zufällig breiteten sich ab 1924 auf vielen Wiener Bühnen
Turbulenzen aus. Konkurse und personelle Verflechtungen in den Direktionen führten immer wieder zu vorübergehenden
Schließungen. Die Weltwirtschaftskrise von 1929 verstärkte die Situation. Auch jene Bühnen an denen Anna Albert spielte,
gerieten in Schwierigkeiten oder verwickelten sich in Leitungsskandale. Anna Albert spielte an der Neuen Wiener Bühne, den
Geyer-Bühnen, der Renaissance Bühne, den Kammerspielen oder dem Raimund-Theater. 1932 musste die Renaissance Bühne in der
Neubaugasse 36 ihre Tore schließen, die Neue Wiener Bühne in der Wasagasse 33 bereits 1928. Bühne und Zuschauerraum wurden
abgetragen, in der Gassenfront Wohnungen errichtet. Das Raimund-Theater konnte auf ein großes Kontingent von Kartenankäufen
durch die Sozialdemokratische Kunststelle bauen und sich bis zur Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten 1938 halten.
Die Zeiten für eine Schauspielerin waren dementsprechend schwierig. Ebenso ihre Ehe mit Siegfried Lewit, sie dauerte nur von
1920 bis 1923.
Doch Anfang der 1920er Jahre verbuchte das junge Talent Anna Albert lobende Kritiken als sie 1924 im Raimund-Theater im
Stück „Gas“ des gefeierten expressionistischen Dramatikers Georg Kaiser auftrat. Man attestierte ihrer Begabung eine
„gefühlsverhaltene Herbheit“. Absolut modern aber wagte sie sich an die Rolle einer leidenschaftlich glühenden Frau,
die sie nach außen hin als „eisig beherrschte Lesbierin“ darstellte. Mit ihrem burschikosen Kurzhaarschnitt und in
Frack auftretend, verkörperte sie in den Kammerspielen in dem Stück „Die Schwester“ des österreichischen
Expressionisten Hans Kaltneker die moderne Frau, die die engen Geschlechterrollen sprengte. Mit diesem Stück tourte
sie nach Prag . Sie war auch in Hauptrollen zu finden. So trat sie 1926 im Modernen Theater im Stück „Das Haus der
Laster“ des jüdischen Erfolgsautors Hans Bachwitz auf . Dieser erreichte zu dieser Zeit den Höhepunkt seiner Popularität,
die seine humoristischen Boulevardstücke bis auf den Broadway führte.
Vom Schauspiel verlagerte Anna Albert ihre Aktivitäten in den 1930er Jahren zur Rezitation. Wenn sie im Prager Radio als
„Vortragskünstlerin von außerordentlicher Qualität“ auftrat, so begeisterte sie nicht nur mit ihrer Stimme, sondern
brachte die „Wiener Dichtung von heute“ in das Gastland. Anna Albert profitierte in der Zwischenkriegszeit nicht nur
vom Arbeitsumfeld und den Aktivitäten ihrer Mutter, sie teilte als patriotische Kulturvermittlerin auch ihr Engagement
für ihre zweite Heimat - die Tschechoslowakei. Einst wurde Anna Auředníčková durch die künstlerischen, journalistischen
und politischen Kontakte ihres eigenen Vaters geprägt, nun bot sie ihrer Tochter ein äußerst anregendes Umfeld. In Wien
schuf sie zusammen mit ihrem Mann einen engagierten Kristallisationspunkt für deutsch- und tschechischsprechende Personen
aus Politik, Kunst und Schriftstellerei. Da die Mutter zudem in der nationalen und internationalen Frauenbewegung aktiv war,
findet man die Tochter immer wieder zusammen mit ihr bei einschlägigen Veranstaltungen. Da glänzte sie als Sprecherin oder
Rezitatorin. Gleichzeitig unterstützte sie, wie ihre Mutter, die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit. Zu
diesem Zweck widmete sie 1928 zusammen mit anderen einen ganzen Abend der künstlerischen Vielfalt des tschechoslowakischen
Nachbarlandes. Die Aktivitäten der beiden Frauen überschnitten sich oft inhaltlich, zudem teilten sie in der
Habsburgergasse 5 und ab 1936 in der Stallburggasse 2 eine Wohnung. In und von diesen Domizilen aus entwickelten die
Unermüdlichen ihre nationalen und internationalen Aktivitäten.
Im Jahr 1932 starb Anna Alberts schon länger kränkelnder Vater mit 69 Jahren in Wien, seine Asche fand ihren Platz
jedoch in Prag auf dem Olšany-Friedhof. In zahlreichen Nachrufen wurde er für seine juristische Tätigkeit und seinen
Mut im Hilsner-Prozess gewürdigt. Mutter Anna Auředníčková trug durch ihre rege Übersetzungsleistung maßgeblich an der
Bekanntheit tschechischer Autoren und Autorinnen in Österreich, Deutschland und der Schweiz, also im deutschsprachigen
Raum bei. Tochter Anna tat es ihr gleich. Ihre Übersetzung von Wilhelm Werners Stück „Glorius der Wunderkomödiant“ wurde
1934 im Akademietheater aufgeführt . In einer weiteren Übersetzung von Anna Albert begeisterte zeitgleich „Der
Schönheitssalon“ als Reprise erneut das Publikum.
Während des Austrofaschismus wurde es in den Printmedien zunehmend still um die Rezitatorin, Übersetzerin und
Friedensaktivistin. Vereinzelt trat Anna Albert nun als Vortragende in Wiener Volkshochschulen auf, ihre Themen - wie
gewohnt - der tschechischen Literatur widmend. 1936 findet man sie nochmals in der Öffentlichkeit. Da zählte sie zu den
Gästen des Presseclubs Concordia, der im Salzburger Konzerthaus mit der österreichischen Prominenz aus Politik und Kunst
ein pompöses Faschingsfest feierte. Während viele Damen, dem austrofaschistischen Geist entsprechend, in Tracht erschienen,
hatte Anna Albert ein Sportkostüm gewählt – wohl ein subtiles politisches Statement. Nach dem sogenannten Anschluss
Österreichs an das Deutsche Reich kehrte sie gezwungenermaßen 1938 mit ihrer Mutter nach Prag zurück. Ein Jahr später
verlor sie ihren Bruder, 1942 musste sie die aus sogenannten rassischen Gründen erfolgte Deportation ihrer Mutter in das
Ghetto Theresienstadt/Terezín erleben, das diese jedoch wie durch ein Wunder überlebte.
1950 heiratete Anna Albert in Prag den Kunsthistoriker und Übersetzer ins Deutsche und den Leiter der Grafischen
Sammlungen der Nationalgalerie, Erich Winkler (1887-1971). Nur sieben Jahre später verstarb ihre engagierte Mutter
im Alter von 84 Jahren verarmt und trotz ihrer Verdienste fast vergessen. Während die Würdigung ihrer Mutter in
offiziellen biografischen Medien im Laufe der Zeit zurückkehrte fehlen bislang Informationen über die letzten Prager
Jahre zu Anna Albert. Ebenso unklar bleibt das Todesdatum der umtriebigen Vermittlerin zwischen der österreichischen
und tschechischen Kultur.
Quelle: Archiv und Forschung des LE DROIT HUMAIN Österreich
Link:
Anni Albert auf der Plattform WIEN GESCHICHTE WIKI
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